♥ Enzyklika „Laudato Si“

Enzyklika „Laudato si‘, mi‘ signore“

Der heilige Franziskus spielt in der Enzyklika des Papstes eine große Rolle, was schon der Titel verrät: Laudato Si‘ ist dem Sonnengesang entnommen, der „Laudes Creaturarum“. Und während bei anderen päpstlichen Schreiben der Titel auf Latein zitiert wird, bleibt er hier auf Italienisch, auch in anderen Sprachen steht der Sonnengesang in seiner Ursprungssprache vornan.

 

Leseschlüssel zu Laudato Si

Mit 246 Absätzen in sechs Kapiteln ist Laudato Si’ ein langer Text, die Lektüre nimmt mehrere Stunden in Anspruch. Stunden, die sich lohnen, aber für die wir an dieser Stelle eine Lesehilfe anbieten wollen.
Die Dynamik des Textes
Papst Franziskus stellt selber seinen Text knapp und zusammen-fassend vor, es lohnt sich eine ausführliche Lektüre der Nummern 15 (Inhaltsangabe und Vorgehen) und 16 (die sich durchziehenden Themen). Damit gibt der Papst selber die Schwergewichte seiner Gedanken schon vor.
Sehen – urteilen – handeln
Der berühmte Dreischritt, geboren in den Beratungen der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen, strukturiert die Enzyklika, auch wenn der Papst das hier nie selber so ausdrückt. Am Anfang steht der Blick auf die Wirklichkeit, dann folgen Analyseschritte mit der christlichen Perspektive und der Frage danach, woran es liegt, dass der Mensch den Planeten und sich selber so sehr zerstört. Zuletzt werden Handlungsrichtungen entwickelt, samt einer Pädagogik.
Alles gehört zusammen
Die Grundidee taucht ausdrücklich immer wieder im Text auf: Die einzelnen Bereiche – Natur, Armut, Migration, Zerstörung, Biodiversität, Gerechtigkeit – können nicht voneinander getrennt gelesen und studiert werden. Im Gegenteil, dadurch würde man sich genau dieses Reduktionismus bedienen, der in die Sackgasse des Denkens hinein geführt hat. Umweltfragen sind Gerechtig-keitsfragen, das ist eine der Kernbotschaften dieser Enzyklika.
Dialog
Papst Franziskus greift das Beispiel Papst Johannes XXIII.‘ auf und wendet sich mit dieser Enzyklika, wie Johannes 1963 mit Pacem in Terris, an „alle Menschen guten Willens“. Und er fordert im fünften Kapitel den Dialog als Lösungsweg für die Probleme ein. Der Dialog ist ihm so wichtig, dass das Wort in jeder Zwischenüberschrift des Kapitels erscheint. Damit ist aber nicht das überstrapazierte Wort gemeint, das wir im politischen und leider auch kirchlichen Zusammenhang benutzen. Dialog bedeutet offene Augen und die Bereitschaft, sich verändern zu lassen. Wer die Enzyklika liest, um Argumente für seinen jeweils eigenen Standpunkt zu suchen, wird nicht fündig werden.
Quellen
Papst Franziskus hat sich nicht alles selbst ausgedacht, im Gegenteil, er macht durch die Auswahl der Quellen deutlich, dass hier die Weltkirche spricht. Die theologische und geistliche Tradition kommt zu Wort: Thomas von Aquin, Bonaventura, Romano Guardini und natürlich Franziskus von Assisi. Patriarch Bartholomaios I. steht für die Ökumene, ein islamischer Mystiker für den interreligiösen Dialog. Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben selber deutlich Stellung bezogen, auch das kommt vor. Die Gedanken dieser Enzyklika sind breit aufgestellt und ruhen auf vielen Schultern.
Evangelii Gaudium
Spätestens mit dem Auftauchen der vier Prinzipien aus Evangelii Gaudium auch in diesem päpstlichen Schreiben – Zeit ist wichtiger als der Raum etc. –wird die Nähe beider Schreiben deutlich. Wer EG gelesen hat, wird mit LS besser klar kommen.
Es gibt aber auch einen deutlichen Unterschied: Evangelii Gaudium will die Kirche in Bewegung setzen, es ist ein dynamischer Text. Laudato Si’ ist weniger dynamisch, er ist nachdenklicher, weniger schwungvoll und dafür, dem Thema angemessen, an alle gerichtet. Es ist klar ein offizielles Lehrschreiben, weniger eine mitreißende Predigt oder Motivation.
Papst vom Ende der Welt
Der Originaltext ist – eine Premiere – auf Spanisch geschrieben, und der deutschen Übersetzung merkt man das an, sie ist sehr nah am Original, auch wenn das manchmal sperrige Sätze hervorbringt. Aber der Text weckt damit das Gefühl von Fremde, das bei Inhalten ebenfalls besteht.
Oft werden politische Prozesse oder wirtschaftliche Abhängig-keiten beschrieben, wie sie für die große Mehrheit der Katholiken und auch die Mehrheit der Menschen auf dem Planeten normal sind, die uns hier im reichen Norden aber fremd vorkommen. Damit werden wir leben müssen. Wenn uns eine Analyse quer liegt, dann ist das auf diese Weitung der Perspektive zurückzuführen. Wir Westler schulden dem Rest der Welt etwas, das macht der Papst deutlich. Dazu gehört auch eine eigene Sicht der Dinge, die wir uns aneignen müssen.
(rv 18.06.2015 ord)

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